Hören wie „neu gebo(h)ren“!

Nicht jede „best-fitted“-Hörgeräte-Einstellung ist für den Schwerhörenden tatsächlich bestens angepasst. Wie oft müssen die Kunden die Aussage ihres Hörakustikers hinnehmen „Besser geht’s nicht. Damit müssen Sie jetzt leben.“ Wie oft wird behauptet, eine Brille könne das volle Sehvermögen wieder herstellen, Hörgeräte seien aber noch weit davon entfernt, gleiche für das Hörvermögen zu gewährleisten. Dass beides nicht gilt, zeigt dieser – zugegeben sehr subjektive – Bericht eines Seh-Hör-Betroffenen. Der betreuende Hörakustiker freut sich über einen Kunden, der seine Hörerfahrungen mit technischen Vokabeln so beschreiben kann, dass er zumindest ahnt, an „welcher Schraube“ er als nächstes drehen kann.

Ich fange mal ganz vorne an. Als ich 1996 begann, den DSB im Normenausschuss DIN 18040 Barrierefreies Bauen zu vertreten, da sagte die damalige DSB-Geschäftsführerin, Edeltraud Cordes, zu mir: DSB-Mitglied können Sie sofort werden, schwerhörig werden Sie dann eben später…

Und so war es dann auch. Seit neun Jahren trage ich nun schön Hörgeräte, zunächst Oticon Epoq und jetzt seit gut drei Jahren Oticon Alta. Die ersten Geräte erhielt ich von Thorsten K., der damals als junger Meister in E. angestellt war und schon meinen Schwiegervater sehr gut versorgt hatte. K. ging dann nach Berlin und wir verloren uns (leider) aus den Augen. Die jetzigen Geräte erhielt ich bei einem – ebenfalls sehr engagierten – Akustiker hier in der Nähe. Auch er weiß, dass ich als Beratender Ingenieur für Akustik „ein wenig“ vom Fach bin, und auch wir hatten ausführliche Diskussionen und Versuche für die beste und vor allem für mich hilfreichste Einstellung. Aber das rankte sich alles um die „best fitted“-Anpassung nach dem Anpass-Programm des Herstellers. Da ich, zum Glück, noch immer nur als leichtgradig schwerhörend gelte (trotz deutlicher Verluste in den Höhen, also insbesondere bei ß, sch und tz), war der Versteh-Gewinn durch die neuen nicht gerade billigen Hörgeräte vergleichsweise gering. „Besser geht’s nicht. Ich habe alles angepasst. Damit müssen Sie nun leben.“

Aber jetzt kommt’s: Vor einer Weile ruft Thorsten K. mich an, der dabei ist, in unserer nordwestdeutschen Landeshauptstadt ein eigenes Geschäft zu eröffnen und bittet mich um eine Beratung zu Konstruktion und Bau seiner beiden Anpassräume. Nicht ich habe ihn, sondern er hat mich wieder gefunden. Bei der Beratung für ihn kommen wir auch ins Gespräch über mich und über meine Hörgeräte. „Als erstes würde ich mal die Schirmchen gegen eine geschlossene Otoplastik austauschen, denn dann fließt nicht mehr so viel Schallenergie nutzlos wieder ab.“ Wir machen einen Hörtest und er liest die Geräte-Einstellungen aus. „Oh, da lässt sich durchaus auch noch was machen.“ ist seine Reaktion. „Wir sollten mal einen Termin vereinbaren.“

 

2018-02-27

Beim ersten Termin werden Abdrücke angefertigt und erste Erläuterungen gegeben. Bei diesem Anlass übergebe ich ihm auch den Konstantstrom-Verstärker einer bei mir überzähligen kleinen IndukTiven Höranlage, wie sie normalerweise für Wohnzimmer geeignet ist. Auch das zugehörige Kabel habe ich dabei. Er, ein Auszubildender und ich stimmen uns über die Verlege-Möglichkeit des Kabels im Anpassraum ab.

2018-03-20

Beim zweiten Termin zeigt er mir die fertigen Otoplastiken und erläutert, an welcher Stelle er sie ein wenig schmaler gemacht hat, um den Kontakt zur … zu verringern und die Geräusche der Kieferbewegungen nicht zu übertragen. Jetzt wollen wir versuchen, die Aussage von Immanuel Kant umzusetzen: Es gibt nichts Praktischeres als eine gute Theorie. Nach dem Einsetzen der Ex-Hörer beginnt die neue Anpass-Prozedur:

Thorsten K. hat zwei Anpassverfahren miteinander kombiniert. Zuerst hat er die Hörgeräte in einen neuen First-Fit des Herstellers versetzt und mittels In-Situ-Messung mit einem vor das Trommelfell gelagerten Sonden-Mikrofon, das Übertragungsverhalten des Hörsystems überprüft. Hierfür benutzte er die FreeFit aus dem Hause Otometrics. Ein Messgerät das auf Sprache basierte Messsignale einsetzt und die Perzentil-Analyse der Sprachinformationen vornimmt. So konnte er feststellen, wie sich mein individueller Gehörgang, die Einsetztiefe des Hörers, die Otoplastik mit ihrer individuell gewählten Belüftungsbohrung und andere Faktoren genau vor dem Trommelfell auswirken. Als Hörgeräteträger könnte ich nicht angeben, in welchem Frequenzbereich eine Über- und Unterverstärkung vorliegt. Ich würde eher über „zu hell“, „zu zischig“ oder über Undeutlichkeit klagen. Durch die physikalische Überprüfung kann er als Anpasser eine ganz andere Grundeinstellung schaffen, die über die Korrekturwerte der Hersteller hinausgeht.

Nun verglichen wir die gemessenen Pegel vor dem Trommelfell mit einer Zielverstärkungskurve, die auf meiner individuellen Hörschwelle basiert. Hier gibt es natürlich auch verschiedene Philosophien. Thorsten K. benutzt die Formel DSL. Diese hat das Ziel, auch Frequenzen oberhalb von 3,6 kHz wieder hör- und damit nutzbar zu machen. Es ist nicht die angenehmste Zielverstärkungsformel, aber den meisten Hörgeräteträgern fehlt es nach der Standard-Anpassung noch an Deutlichkeit und häufig auch an genauem Richtungshören. Diese Probleme lassen sich mit der DSL-Formel deutlich besser beheben. Die Grundsatzfrage ist, wie so oft: Will ich deutlich und gut verstehen oder komfortabel hören? Diese beiden Gegensätze lassen sich nur schwer in einer Einstellung verbinden. Ich habe dem Verfahren für Deutlichkeit und Verständlichkeit zugestimmt. Im Hinterkopf hatte ich die Idee, dass man das ja auch alles wieder zurückstellen kann, wenn ich es als „zu unangenehm“ empfinden sollte.

Nach dem Einstellen der gewünschten Zielverstärkungskurve ging es an die Feineinstellung. Hier liegt der Fokus zuerst im Hochtonbereich, also zwischen 3 und 6 kHz. Beim Vorspielen der Zischlaute, hier ein „s“ und ein „sch“, verglich er die jeweiligen Eingangs- und Ausgangsspektren. Häufig kommt es durch die Anpassung auf eine Zielverstärkungskurve zu einer Überbetonung um 2 bis 3 kHz und etwas zu wenig Energie ab 4 kHz. Durch diesen Spektralvergleich kann man das sauber ausgleichen. Ein „s“ klingt wieder wie ein „s“, der lispelige Klang geht zurück, das „sch“ klingt wie es gehört, ein „f“ bleibt ein „f“ und wird kein „komisches sch“.

Der nächste und ebenfalls nicht unwichtige Schritt war der Ausgleich der tiefen Frequenzen. Gerade in diesem Fall, wo ich die tiefen Frequenzen noch sehr gut höre, ist es wichtig hier nochmal genauer hinzusehen. Der für die In-Situ-Messung benötigte Schlauch führt zu einem undichten Sitz der Otoplastik. Dadurch geht ein Teil der tiefen Frequenzen verloren. Hier nutzte Thorsten K. das Verfahren „Audiosus“, das durch unterschiedlich hohe Rauschsignale einen Frequenzausgleich schafft, der einem natürlichen Gehör sehr nahe kommen kann. Mit Rauschen um 2 kHz überprüfte er zuerst, ob sich das Geräusch auf beiden Seiten gleich laut anfühlt und regelte entsprechend die Geräte nach. Anschließend werden immer zwei verschieden hohe Rauchsignale miteinander verglichen und die Lautstärke gleich laut geregelt. Anschließend wird wieder ein kurzer Stereo-Abgleich gemacht.

Jetzt kam der Freiburger Sprachtest mit Hörgeräten in Ruhe. Er bringt 100% (früher maximal 90%) und wird schmunzelnd kommentiert mit den Worten „Da kann ich jetzt auch nichts mehr machen.“ Dann darf ich ein Musikstück auswählen. Ich bitte um die Promenade aus „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorgski. Schon die ersten Töne lassen mich staunen: So kann Musik klingen? Dann habe ich offenbar nicht erst seit neun Jahren, sondern mindestens seit 25 Jahren Musik nicht mehr richtig volltönend (im wahren Wortsinn – mit allen Tönen) gehört.

Jetzt geht es erst einmal an das Einmessen der inzwischen auch installierten IndukTiven Höranlage (normgemäß mit Rosa Rauschen). 100 mA/m als Mittelungspegel sind schon fast erreicht, denn die alte Einstellung von meinen früheren Anwendungen passt noch recht gut. Nun darf ich als erster Kunde die Anlage gleich ausprobieren und wieder wird mir das gewählte Musikstück präsentiert. Das ist – wenn auch nur mono – HiFi-Qualität in ihrer besten Form! Von Berufs wegen kenne ich viele IndukTive Höranlagen, aber das hier… Boah!

Die nächste Hörprobe findet an einer Straßenecke vor dem Geschäft statt. Hier kann ich ein Dauergeräusch wahrnehmen, das ich mit diesen Hörgeräten, die ich doch schon fast drei Jahre trage, noch nie bemerkt habe. Wir vermuten einen Zusammenhang mit den Otoplastiken und den darin angebrachten Bohrungen. Das Summen und Brummen der Umgebung erzeugt einen gleichbleibenden Ton/Klang, als wenn ein Digeridoo-Spieler einen Ton dauerhaft aushält, also ohne die Schwebungen, wie sie bei der Zirkulationsatmung typisch entstehen. Ein probeweises Verstopfen der Bohrungen bringt aber keine Änderung. Noch ist also unklar, wodurch dieser Klang entsteht.

Im Auto höre ich beim Nachhause fahren die Slawischen Tänze von Antonin Dvorák, gespielt vom Russischen Nationalorchester. Das ist für seine „satten“ Klänge bekannt. Auf einem Parkplatz stelle ich den Equalizer um, der hat jetzt nichts mehr zu tun. So sah er "vorher" aus:

Und so sieht er jetzt "nacher" aus. Jetzt hört die Musik sich wieder so an, wie der Komponist sie sich gedacht hat. Die Pauken z.B. sind voll aber nicht dröhnend und trotzdem ist der Triangel gut herauszuhören. Ich habe nicht geahnt, dass mir bei meinem doch noch recht geringen Gesamt-Hörverlust schon so viel gefehlt hat!

In der letzten Zeit war ich mit dem Anziehen der Hörgeräte zuhause etwas nachlässig, weil ich sowieso niemanden zum Unterhalten hatte. Mit dem Musik-Genuss wird sich das wieder ändern; versprochen!

Den Digeridoo-Klang höre ich auch hier, allerdings höre ich außerhalb des Hauses deutlich die Autobahn in 1.200 m Entfernung heraus. Ich bin gespannt, ob ich sie demnächst auch wieder über-höre. Jedenfalls ist es kein Tinnitus-Geräusch, denn das würde man beim Ausschalten der Hörgeräte noch stärker wahrnehmen. Dieses ist dann aber weg.

Nach dem Abendessen (da ist es mir noch nicht aufgefallen) esse ich ein paar Kekse. Das knirscht jetzt so, als hätte ich im Kiefergelenk Kalkablagerungen. Na ja, kann ja auch sein, in meinem Alter. Ich bin gespannt, wie morgen früh die frischen Brötchen klingen werden.

 

2018-03-21

Ich nehme die Hörgeräte in die Hand und überlege, wie es richtig heißt: bei der Brille sagt man „aufsetzen“: sagt man dann bei den Hörgeräten „einsetzen“? Ich habe doch HdO- und keine Ido-Hörgeräte! Die Schweizer habe ich oft schon „anziehen“ sagen gehört, das gefällt mir eigentlich noch besser: beim Anziehen werden – wie die Socken – auch die Hörgeräte angezogen. Noch besser gefällt mir „anlegen“, so, wie man auch ein schönes Gewand anlegt. Dass auch der Jäger „anlegt“, stört mich nicht, im Gegenteil: ich lege meine Hörgeräte auf meine Mitmenschen an. Sie will ich ab jetzt noch besser treffen. Prima, das gefällt mir!

Ich lege meine Hörgeräte an und stelle fest, dass der eben gewählte Begriff nicht passt. Die Hörgeräte liegen nicht, sondern sie hängen an den Kabeln der Ex-Lautsprecher und die Otoplastiken sitzen mit leichten Druck in der Ohrmuschel. Also doch „aufsetzen“? Oder vielleicht noch passender „aufdrücken“? Wie dem auch sei, auf jeden Fall habe ich (heute noch auffälliger als gestern“) einen neuen Klangeindruck. Noch sind die Hörgeräte ausgeschaltet. Alles klingt hinter den Otoplastiken deutlich dumpfer als bisher hinter den Schirmchen. Wie üblich schließe ich beide Batterieklappen gleichzeitig, die Eröffnungsfanfare klingt stereophon. Nach einem kurzen Augenblick der Stille setzt Rauschen ein, erst leise, dann etwas lauter. Nach knapp fünf Sekunden habe ich den Eindruck, dass der „Soll-Zustand“ erreicht ist. Anders als mit der bisherigen Anpassung bleibt dieser Eindruck auch nach einer Weile noch bestehen. Niemand ist weiter im Hause, aber ich nehme Geräusche aus der Umgebung wahr.

Der Lautsprecher in der linken Otoplastik sitzt plötzlich locker und wackelig. Besuch bei meinem früheren Hörakustiker in der Nähe nach telefonischer Ankündigung. Der Mitarbeiter ist zwar etwas pikiert, dass ich dort seit einiger Zeit nicht mehr komme, aber er zieht den Lautsprecher mit Hülse, schiebt die Hülse stramm auf den Lautsprecher und klebt dann die Hülse in die Otoplastik. Alles ist wieder fest. Ich glaube es tut ihm leid, dass er diese Dienstleistung auf meine Nachfrage, was ich zu entrichten habe, als kostenlos bezeichnen muss…

 

2018-03-23

Der Digeridoo-Klang ist nicht mehr so auffällig. Wenn das Hintergrundrauschen draußen leise ist, dann wird auch der Klang geringer. Bei steigendem Hintergrundgeräusch ist er bisweilen auffälliger.

Das Rauschen der Heizung in der Essdiele klingt sehr laut. Drehen am Ventil verändert es. Es stammt also tatsächlich von dort. Nachgemessen sind es nur 29 dB(A) SPL. So laut habe ich knappe 30 dB(A) früher nie empfunden. Sind die Hörgeräte zu laut eingestellt oder ist das meine „Entwöhnung“? Zwei Stufen leiser gestellt, glaube ich mir das Klang/Lautstärke-Erlebnis eher. Wer hat Recht? Mein Hörakustiker oder ich? Was gilt eine Zeugenaussage? Würde man mit dem Sondenmikrofon vor dem Trommelfell messen, dann müsste es dort jetzt natürlich lauter sein als 30 dB(A), schließlich bin ich ja schwerhörend!

Thorsten K. wird telefonisch befragt: „Ich habe mir die Kurven noch mal aufgerufen. Es kann sein, das ich bei der Einstellung für geringe Lautstärken zu viel Verstärkung gegeben habe. Das sollten wir noch mal prüfen.“ Und auf meine Frage, ob er mich als „den ewig nörgelnden Kunden“ empfinde, antwortet er „Nein, nicht nörgelnd, sondern endlich mal einer, der seinen Höreindruck so beschreibt, dass ich etwas daraus ableiten und damit anfangen kann.“

Die auffällige Vorne-Hinten-Vertauschung, die ich bisher im Straßenverkehr hatte, ist jetzt weg. Beim Spazierengehen höre ich die Autos auf der Straße aus der Richtung, von der sie auch kommen. Und „gefühlt“ höre ich sie, wenn sie von hinten kommen, auch eher. Die Gefahr des Überfahren-Werdens ist deutlich zurückgegangen. Mit den gut angepassten Hörgeräten steigt die Lebenserwartung wieder!

 

2018-03-24

Morgens früh (noch vor dem Frühstück) die Hörgeräte eingesetzt und eingeschal(l)tet. Wahnsinniges Rauschen im Bereich des 2. Formanten zwischen 2.000 Hz und 5.000 Hz (geschätzt, nicht gemessen). Liegt das jetzt an meinen frisch ausgeschlafenen und erholten Ohren? Ist die Hörschwelle bei den hohen Tönen morgens niedriger? Wie könnte man das messen“ Denn wenn ich morgens früh mit dem Auto zu meinem Akustiker nach K. fahren würde, dann wäre nicht nur Zeit verstrichen, sondern auch vom Motorbrummen schon einige „Belastung“ wieder auf die Ohren gekommen.

Oder spricht morgens früh die Störgeräusch-Unterdrückung noch nicht an, weil es noch zu leise im Haus ist? Probeweise das Radio (NDR-Kultur mit klassischer Musik) auf etwas mehr „Dröhnung“ gestellt. Nein, keine merkbare Veränderung; es rauscht unverändert. Oder ist die Störgeräusch-Unterdrückung gar nicht aktiviert? Ich werde nachfragen müssen.

Wenn am vergangenen Dienstag die Musik im Auto so toll klang, lag das dann daran, dass ich dort das Motorbrummen nur „erwartungsgemäß“ wahrgenommen habe, also ein rein psychologischer Effekt, oder lag das daran, dass ich wegen des Motorbrummens die Musik dort noch lauter gedreht hatte als hier zuhause (ich fühlte mich ja wie in der „Rollenden Disco“)?

Es gibt noch eine Alternative, die hatte ich bei den Oticon-Epoq auch schon mal. Damals hatten die Mikrofone in den Hörgeräten durch Feuchtigkeitseinwirkung gelitten. Das führte zu einem erhöhten Rausch-Anteil. Horst W. hat das damals schnell beheben lassen.

Gerade gibt es die Nachrichten. Keine Musik, auch kein Musik-Gedudel im Hintergrund, nur reine Sprache. Deutlich ist zu hören, dass das Rauschen während des Sprechens ansteigt und in den Sprechpausen wieder zurückgeht. Bei konstanter Verstärker-Einstellung und Verdeckung müsste das Rauschen bei höherem Sprachpegel weniger auffällig sein. Ist es aber nicht. Das wahrnehmbare Rauschen „atmet“ mit dem Sprecher.

Nach einer Weile Musik schalte ich jetzt das Radio aus, weil ich nicht schon wieder dieselben Nachrichten wie vor einer Stunde hören möchte. Ohne äußere Geräusch-Anregung erscheint mir das Hörgeräte-Rauschen jetzt schon etwas leiser als vorhin beim Einschalten, obwohl ich genau hinhöre. Ist das (noch) Psychologie oder ist das (schon) eine tageszeitabhängige Hörschwellenverschiebung?

Mich ärgert das, dachte ich doch, ich sei schwerhörend und müsste nun dieses Rauschen wegen des hochfrequenten Hörverlustes nicht mehr hören. Das Rauschen, welches ich wahrnehme, klingt allerdings nicht „spitz“, enthält also wohl nicht die „ganz hohen“ Frequenzen. Aber was ist – bezogen auf meinen Hörverlust – ganz hoch? 2.000 Hz? 4.000 Hz? Oder doch erst 6.000 Hz? Ich überlege: seit wann höre ich eigentlich die Zeilenablenkfrequenz der alten Bildröhren-Fernseher von 15.625 Hz nicht mehr? (Im Studium musste ich das in der Vorlesung „Fernsehtechnik“ noch lernen: 625 Zeilen mal 25 Bildwechsel/s ergab diese 15.625 Hz.) War eher mein Gehör schlecht oder waren eher die Röhren-Fernseher weg? Beides ist lange her.

Kann man in der Messbox prüfen, in welchem Frequenzbereich das Rauschen liegt? Oder geht das vielleicht sogar mit Sondenmikrofonen direkt an/in meinem Gehörgängen? Auch hier werde ich nachfragen. Die Hörakustiker – egal wer es ist – haben eine Last mit mir.

Meine derzeitige Lösung für vollen Musikgenuss ist keine langfristige (und schon gar keine umwelt-schonende): Nein ich will nicht zum Musikhören ins Auto steigen und durch die Gegend fahren, noch dazu mit einem Diesel…

Das Frühlingswetter gibt es eine Woche vor Ostern schon her, mit dem Fahrrad zum Brötchenholen zu fahren. Windgeräusche? Die sind völlig verschwunden, obwohl ich zügig fahre. Prima! Doch was ist das? Was klappert da? Ist etwas locker? Nein, nur die beiden Bowdenzüge der Handbremsen schlagen gegeneinander. Das machen sie bestimmt seit Jahren, habe ich aber noch nie wahrgenommen.

Mehrfach sehe ich mich um. Ich höre Geräusche wie von einem heranrollenden Porsche. Aber da ist kein Auto. Irgendwann merke ich, dass es die Abroll-Geräusche meiner eigenen Big-Apple-Reifen sind. Wahnsinn, ein Fahrrad, das (für mich) wie „Porsche“ klingt. Das ist Männlichkeitsgefühl pur!

Wenig später lautes Rauschen im linken Hörgerät. Was ist das nun wieder? Muss/kann ich mich auf weitere neue be-rauschende Erlebnisse mit den Hörgeräten einstellen? Nein, auch hier kommt gleich die Entwarnung: gerade fahre ich an der Auto-Waschanlage auf der linken Straßenseite vorbei und dort ist das erste Fahrzeug eingefahren.

Anschließend im Supermarkt. Nervtötend laute Musik-Berieselung. Wie war es doch bisher mit den schlecht eingestellten Hörgeräten entspannend, hier einzukaufen. Neue Aufgabe für mich: nachher noch einmal wiederkommen, dann aber mit dem Schallpegelmesser in der Hand (und nicht vergessen, mich vorher beim Marktleiter anzumelden). Mit der neuen Hörgeräte-Einstellung habe ich offenbar kein Verhältnis mehr zu den gehörten Schallpegeln, weil ich jetzt eine deutlich größere Lautheit empfinde. Ein Akustik-Ingenieur, der nicht abschätzen kann wie laut es ist? Das geht gar nicht! Da muss ich jetzt (messend) neue Erfahrungen sammeln…

Nun aber erst einmal die Hörgeräte ausschalten und entspannt an den Regalen entlanggehen. Sehen kann ich ja auch ohne die Hörgeräte. Ich finde aber nicht alles allein und muss doch nachfragen. Frage stellen und Hörgeräte wiedereinschalten sind eins, aber bis die nach fünf Sekunden „auf Trab“ sind, ist die Antwort schon vorbei. Also „wie bitte“? Die Wiederholung der Antwort ist verständlich, aber jetzt wage ich nicht mehr, den Einkauf mit ausgeschalteten Hörgeräten zu beenden.

An den Kassen werden die Preise groß und deutlich angezeigt; da ginge es auch „ohne“, aber der kurze Plausch wäre dann unmöglich. Sonst beschweren sich die folgenden Kunden über „den schwerhörigen Alten da vorne“. Fazit: Mit den neu eingestellten Hörgeräten kann ich an der Kasse auch Unbeliebtheit vermeiden.

Zukünftig werde ich häufiger zu EDEKA-Ecks nach Hamburg-Alsterdorf fahren. Die modernisieren dort gerade ihren Laden und achten wegen der angestrebten Barrierefreiheit (auch) für Hörgeschädigte auf gute Geräuschminderung. Die Kühltruhen sind schon leise, jetzt sollen auch die zukünftig geschlossenen Kühlregale drankommen. Die Musik-Berieselung ist dort schon beeindruckend leise eingestellt (ohne Umsatzeinbuße). Darüber freuen sich nicht nur alle Kund*innen, sondern auch alle Mitarbeiter*innen. Ich werde überlegen, ob die halbe Stunde Fahrtzeit in jeder Richtung und der Spritverbrauch mir das wert sind. Längerfristige Aufgabe wird in jedem Fall sein, auch den Marktleiter hier im Dorf zu überzeugen. Auch in Alsterdorf werde ich noch einmal wieder messen, denn dort war ich vor der neuen Hörgeräte-Einstellung. Wer weiß, ob ich es jetzt dort noch immer so angenehm wahrnehmen werde?

Wieder zu Hause höre ich „Ping!“ Eine WhatsApp von meinem Sohn. Ich antworte. Beim Tippen der Tasten gibt es den bekannten „Klick“, aber jetzt nicht nur den. Jedem Klick folgt ein kurzes „tsch…“. Das klingt ähnlich wie heute Morgen bei den Nachrichten in den Sprechpausen. Wird wohl derselbe Effekt sein. Ich muss also baldmöglichst noch mal in unsere Landeshauptstadt zu Thorsten K. und nachfragen.

Dann kann ich mir auch ansehen, ob er das Hinweisschild über die IndukTive Höranlage in seinem Anpassraum schon im Schaufenster angebracht hat.

Abends noch ein beruflicher Einsatz: Teilnahme an einem Jazz-Konzert in der extrem halligen Kulturkirche in Hamburg-Altona mit der Aufgabe abzuschätzen, welche Verbesserungsmöglichkeiten wohl bestehen. Die normgemäßen Messungen sind vor einigen Tagen schon erfolgt. Jetzt geht es ums Hören und Horchen, und das mit noch nicht auf „das neue Hören“ eingewöhnten Ohren! Werde ich im Klang schwelgen, werde ich beruflich zuhören oder werde ich nur angestrengt sitzen und am Hörerlebnis verzweifeln? Ich setze mich ganz bewusst recht weit nach hinten. Wollte ich die Musik besser hören und verfolgen, dann würde ich wohl einen der vordersten Plätze wählen. Fazit: der Beruf hat mich voll gepackt und ich bin froh, dass ich zu etlichen Hör-Ereignissen physikalische Schlussfolgerungen ziehen kann. Der Hör-Stress mit dem „Neuen Hören“ ist aber erheblich.

 

2018-03-26

Der Hör-Stress geht weiter. Heute bin ich in dem Kundenzentrum eines großen Nahverkehrsunternehmens, welches vergleichsweise für die hörgerechte Ausstattung eines im Neubau befindlichen Zentrums akustisch vermessen werden soll. Bisher war ich der Meinung, in solchen Beratungszentren ginge es leise zu. Mein Höreindruck beweist mir hier das Gegenteil: dieses ist mit einem Kiosk kombiniert, in dem auch Reiselektüre, Räucherstäbchen und Getränke verkauft werden. Die offenen Kühlregale brummen kräftig. Aber so laut wie in den beiden oben erwähnten Supermärkten ist es hier dann doch nicht, nur etwa 52 dB(A) SPL gegenüber dort 59 bis 60 dB(A). Die Schallschluck-Decke tut schon einiges. Aber meine Hörgeräte verdeutlichen mir eindrücklich, wie störend auch solche Pegel für das Verstehen von Sprache sein können. Werden die Kühlregale im neuen Zentrum leiser (mit Türen davor haben die weniger Energieverlust und strahlen deutlich weniger Störschall ab), dann können wir Schwerhörenden besser verstehen und die Mitarbeiter*innen werden erheblich entlastet.

 

2018-03-27

Was piept denn da? Ist ein Vogel hereingeflogen? Das kann eigentlich nicht sein, denn nur die Terrassentür ist gekippt. Ich gehe ins Wohnzimmer um nachzusehen. Nein, hier flattert nichts. Aber jetzt höre ich deutlich, dass die Vögel draußen heute mit einem „Höllenlärm“ zwitschern. Herrlich! Ich setze mich auf die Terrasse und übe „Vögel horchen“. Mit geschlossenen Augen Richtung und Abstand schätzen und dann hinsehen. Klappt schon ganz gut. Die sonst so frechen Spatzen sind jetzt nicht da und auch die Drossel nicht, aber Kohl- und Blaumeisen und ein Rotkehlchen. Den Zaunkönig höre ich schimpfen, aber er lässt sich nicht blicken. Ein wenig später höre ich dann doch eine Horde Spatzen, aber die müssen wohl beim übernächsten Nachbarn im Gebüsch sitzen. Sie klingen jedenfalls recht weit entfernt. Und plötzlich höre ich in deutlich weiterer Entfernung einige Wildgänse vorbeifliegen. Entdecken kann ich sie nicht, dafür klappt das Richtungshören noch nicht gut genug. Ich tröste mich damit, dass die anderen Häuser sie wohl verdecken und ich sie sowieso nicht sehen könnte.

 

2018-03-30

Am Karfreitag mache ich mit Kindern und Enkeln einen Spaziergang. Eins der Kinder fragt mich verschmitzt, was es dort gerade für ein Geräusch gehört habe. Ich antworte wahrheitsgemäß, worauf meine Tochter wissen will, ob das wirklich alle Waldbesucher hören sollen? Offenbar spreche ich mit den Otoplastiken lauter als vorher mit den Schirmchen. Bisher war ich der Meinung, ich würde leiser sprechen, weil ich mich aufgrund der Körperschallübertragung (Kau-Geräusche) doch selbst besser wahrnehme. Das stimmt aber wohl nicht bei der Luftschall-Übertragung meiner eigenen Sprache ins Ohr. Und das lässt sich wiederum erklären, weil ich beim Sprechen fast nur noch den Körperschall-Anteil höre; der Luftschall-Anteil (außen rum) ist durch die Otoplastiken abgeschirmt. In der Summe höre ich mich leiser und spreche deshalb eher etwas lauter. Aber wieviel? Wie kann ich üben, eine „sachgerechte“ Lautstärke wiederzufinden? Da hilft mir nicht einmal, dass ich von Berufs wegen einen Schallpegelmesser zu Verfügung hätte, denn mir fehlt der Vergleichswert „von vorher“. Seitdem frage ich häufiger „Rede ich zu laut?“

Meinen Kindern berichte ich von einem Erlebnis beim Bundeskongress des DSB 2001 in Berlin. Im ökumenischen Gottesdienst hat gerade das Orgelvorspiel geendet. Eine hochgradig schwerhörende Teilnehmerin hatte wohl ihre Hörgeräte noch nicht auf „T“ umgeschaltet und fragt (für alle anderen gut hörbar) in die Stille „Haben sie schon angefangen?“

 

2018-04-01

Oster-Frühgottesdienst ab 05:30 Uhr. Das Evangelium ist gerade verlesen (kenne ich auswendig, früher habe ich ja selbst den Osterhymnus gesungen). Jetzt kommt das volle Geläut, das auch die Nicht-Kirchenbesucher „auferwecken“ wird. Zum ersten Mal höre ich einen andauernd summenden Grundton, der unter allem anderen „schwebt“. Tatsächlich, eine Schwebung als Subharmonische der aufeinander abgestimmten Glocken. Aus dem Studium weiß ich, dass es so etwas geben soll, auch bei der Orgel, wenn man die Register entsprechend der „Klangpyramide“ zieht. Sicher habe ich das schon oft gehört, aber heute nehme ich es zum ersten Mal wahr. Ohne Hörgeräte nicht und mit Hörgeräten auch neun Jahre lang nicht. Aber heute. Das ist echte „Auferstehung für die Ohren“! Ein unbeschreibliches Glücksgefühl.

Als nächstes freue ich mich darüber, dass Thorsten K. jetzt in meinen Hörgeräten dank der geschlossenen Otoplastiken anstelle der offenen Schirmchen die Rückkoppelungsunterdrückung ausschalten konnte. Beim Orgelspiel hörte sich das bisher immer so an, als wenn ein sehr schneller Tremulant gezogen sei. Der kommt aber nur selten zum Einsatz, nicht ständig und auch nicht so schnell. Ab jetzt höre ich den Tremulanten nur noch dann, wenn er auch gezogen ist.

Nach dem Mittagessen am Nord-Ostsee-Kanal mache ich einen Spaziergang. An einer Stelle plätschert ein Bach, der das angrenzende Moor entwässert. Wenn ich auf der Brücke stehen bleibe (und auch den Kopf nicht drehe), dann ist das Plätschern sehr gleichmäßig. Horche ich mit dem rechten Ohr zu der plätschernden Stelle an den Kieselsteinen, dann klingt es auffällig leiser als mit dem linken. Ist das linke Gerät lauter eingestellt? Zum Vergleich stur geradeaus auf die Kieselsteine blickend klingen beide Seiten wieder gleich laut. Jetzt fehlt noch die vierte Richtung mit den Kieselsteinen im Rücken: sofort bemerke ich ganz erhebliche Unterschiede. links überdeutlich, rechts eher verhalten. Beim nächsten Besuch muss ich Thorsten K. fragen wie man prüfen kann, ob die beiden Mikrofone im linken Hörgerät gegeneinander vertauscht eingebaut sind. Das ist bei einem industriell hergestellten Produkt wohl eher unwahrscheinlich. Aber vielleicht gibt es Fertigungs-Streuungen in den Mikrofon-Empfindlichkeiten? Das wäre dann eine Frage an Horst W. von Oticon.

 

2018-04-04

Ich sitze im Wohnzimmer und lese. Da ich einen Text zu korrigieren habe, bin ich stark auf die Buchstaben fixiert. Im Hintergrund läuft Musik, Oboe und Klavier. Plötzlich nehme ich „Nordsee-Rauschen“ wahr, an- und abschwellend, aber auf beiden Ohren unterschiedlich. Es folgt (etwas verzögert) dem Rhythmus der Musik. Da ich mit dem Rücken zu den Lautsprechern sitze, vermute ich einen ähnlichen Zusammenhang wie vor ein paar Tagen bei dem Bach-Geplätscher. Eigentlich müsste ich mich jetzt anders herum vor die Lautsprecher setzen und noch einmal horchen. Aber der Text muss abgegeben werden und so tröste ich mich erst einmal damit, dass ich morgen Nachmittag meinen nächsten Termin bei Thorsten K. habe. Der wird (soll/muss) mir das alles erklären. Da hat er (s)eine Aufgabe vor sich…

 

2018-04-05

Als ich zu Thorsten K. ins Geschäft komme, da sitzt er vor einem Ausdruck meiner bisherigen Beobachtungen/Beschreibungen, hat etliche Stellen markiert und sagt zu mir, Vieles sei vermutlich auf ein und denselben Sachverhalt zurückzuführen. Der sei darin begründet, dass bei meinen Oticon-Geräten die Verstärkungseinstellung bei leisen und mittellauten Geräuschen (leise 50 dB, mittelaut 65 dB, laut 80 dB SPL) starr gekoppelt sei. „“Gebe ich bei mittleren Lautstärken mehr, dann wird’s auch bei den leisen mit lauter und nehme ich bei den leisen etwas weg, dann wird es auch bei den mittleren leiser.“ Ich bekomme das am Bildschirm demonstriert und sehe die Parallelverschiebungen. Nach seiner Aussage gibt es solch eine starre Koppelung bei Geräten mehrerer anderer Hersteller nicht.

Dann darf ich das auch hörend bei verschieden laut angebotenen Signalen ausprobieren. Deutlich kann ich merken, wie sich das Rauschen (und besonders die Rausch-Schleppen in den Pausen) anders anhören und unterschiedlich stark sind. „Ich hatte ganz bewusst – und besonders bei dem linken Ohr – mehr Verstärkung bei den mittleren Pegeln gegeben, um die Verluste in der Sprache durch den Verschluss der Otoplastik auszugleichen. Das müssen wir dann mal um ein bis zwei Stufen zurück nehmen.“

Mit den Profil-Stellern regelt Oticon Zeitkonstanten, Regelschwellen, Impulsschallreduktion, Störgeräuschabsenkung und Sprachanhebung. Hier lagen nach Aussage von Thorsten K. zum Teil auch die lästige Rausch-Schleppe bei Sprache im TV, die Reifenabrollgeräusche, die Waschstraße. Alle Steller stehen natürlich in einer Abhängigkeit zueinander. Wenn die Verstärkung für leise Eingangspegel zu hoch ist, gepaart mit einer schnellen Regelzeit für Silben kommt es zu diesem Nachrauschen. Bei einer mittelgradigen Schwerhörigkeit sind diese Phänomene häufig so leise, dass sie nicht gehört werden. Ich habe im mittleren Frequenzbereich durchaus noch äußere Haarzellen zur Verfügung, die ihren verstärkenden Job noch machen! Deshalb wurde bei mir das Profil Dynamisch modifiziert zu schnelleren Regelzeiten eingestellt. Oticon denkt hier in Ultra, Dynamisch, Aktiv, Moderat und Ruhig.

 

2018-04-06

Heute gibt es Orgelmusik von der Silbermann-Orgel aus dem Freiberger Dom im Radio. Zunächst höre ich über Lautsprecher, bin aber – im Verhältnis zu dem Boah-Effekt vor einigen Tagen mit der jetzigen Einstellung etwas enttäuscht. Also Kopfhörer aufgesetzt, die Lautstärke noch etwas nachgeregelt und dann konzentriert gehorcht: Sind das ältere Aufnahmen? Höre ich „Bandrauschen“? Oder sind das die aus den letzten Tagen schon bekannten Rausch-Artefakte der Hörgeräte? Nein, das Rauschen ist konstant, nicht die Rausch-Schleppen, die mich sonst störten. Bei dem zweiten Werk von Rheinberger ist mit der romantischen Klangschwelgerei auch eine höhere Lautstärke verbunden. Kein Bandrauchen, Dolby sei’s gedankt. Also kein Anteil meiner Hörgeräte, sondern wohl doch vom Band. Als Pausenfüller bis zur nächsten Sendung spielt Christoph Eschenbach noch ein kurzes Klavier-Intermezzo, mit Sicherheit eine digitale Aufnahme ohne Bandrauschen. Aber was höre ich jetzt? Nach jedem einzelnen Anschlag die Rausch-Schleppe aus den Hörgeräten. Na ja, Klavier ist sowieso nicht „mein Fall“…

Nur wenige Minuten habe ich die Orgelmusik über die Lautsprecher gehört, dann mit Kopfhörer. Das Klangbild ist etwas nach rechts verschoben. Ganz deutlich höre ich dort die Höhen besser als links (das ist der Effekt, dass sie gestern links etwas zurück genommen wurden, muss wohl doch noch wieder eine Stufe rauf). Probeweise schiebe ich die Kopfhörer etwas weiter nach oben, sodass deren Schwingspulen auf Höhe der T-Spulen in den Hörgeräten sitzen. Jetzt schalte ich um auf indukTives Hören und bin begeistert über den vollen Orgelklang und in dieser Stellung auch mit deutlich weniger Rauschen. Jede T-Spule empfängt ihr eigenes Signal; ich kann also auch über „T“ in Stereo zuhören! Hier ist die Mitte auch in der Mitte und nicht nach rechts versetzt. Die T-Spulen haben eben ihre eigenen Anpassungen.

 

2018-04-07

Heute ist eine längere Fahrradtour angesagt. Gute 50 km geht es über den Schleswig-Holsteinischen Mittelrücken mit flach gewellten Sanderflächen. Durch die Knicks und Redder (ein- und beidseitige Wall-Hecken) erhoffe ich mir Windschutz. Aber noch ohne Laub pfeift der Wind in jeder Richtung durchs Geäst. Was gibt es zu berichten? Nichts! Zwar merke ich die Luftbewegungen an den Ohren, aber ich höre keinerlei Windgeräusche. So kommt es mir jedenfalls eine ganze Weile vor. Dann merke ich aber, dass ich den Autoverkehr nicht ständig auf der linken Seite habe und dass ich auch dann „vorbeifahrende Autos“ auf der linken Seite höre, wenn gar keine da sind. Etliche der kleinen Wege sind völlig autofrei. Dennoch höre ich in relativ gleichmäßigen Abständen ein anschwellendes Rauschen, das einige Sekunden später wieder abklingt. Ich habe zwar kein „Kind“ im linken Ohr, aber ein kleines Auto? Aber warum immer (und auch heute wieder) nur das linke Hörgerät? Ich kann keinen Zusammenhang zwischen Windrichtung und Rausch-Stärke feststellen. Da ich einen Rundkurs fahre, habe ich den Wind im Laufe des Tages aus unterschiedlichen Richtungen. Das rechte Hörgerät rauscht den ganzen Tag über gar nicht, das linke aber immer wieder. Ob mein Hörakustiker bei meinem nächsten oder übernächsten Besuch wohl auch sagen wird „Besser geht’s nicht, damit müssen Sie jetzt leben?“

Wir haben in Schleswig-Holstein besonders feine Luft, weil sie von den vielen Windmühlen gemahlen wird. Ich fahre fast direkt unter einer WKA durch, steige ab und horche. Das Rauschen des frisch gemahlenen Windes an den Spitzen der Rotorblätter ist deutlich zu hören, aber das sind jetzt keine Windgeräusche an meinen Hörgeräten. Besonders laut ist es jeweils an der Spitze des sich nähernden Blattes, während man hinter dem abdrehenden fast nichts hört. Die Ortung „von oben“ gelingt – mit dem Vorwissen und nach einigen Sekunden Gewöhnung – einwandfrei. Allerdings tritt hier wieder eine „Vorne-Hinten-Vertauschung“ auf, wie sie von der Kunstkopf-Stereophonie bekannt ist. Ich kann mich um meine Achse drehen wie ich will, immer höre ich das Geräusch „von oben hinten“, auch wenn ich weiß, dass es in dieser Position „von oben vorne“ kommt. Die Richtwirkung meiner Ohrmuscheln kann ich beim Horchen nicht ausnutzen, denn (anders als in den Kunstköpfen z. B. von Neumann oder Head) sitzen bei meinen HdO-Geräten die Mikrofone oben auf den Ohrmuscheln und nicht am Ende des Gehörgangs. Dort sind ja die Ex-Lautsprecher.

Mit dieser Erfahrung werde ich in meinem Beruf als Akustik-Berater beim Orten von Schall-Löchern in Wänden und Türen die Hörgeräte wohl herausnehmen müssen. Für übermorgen ist ein Kunden-Termin angesetzt, bei dem ich das vermutlich ausprobieren kann. Was die Kundin (zum Glück eine Ärztin) wohl denken wird, wenn ich zum Horchen die Hörgeräte herausnehme? Das ist ja eigentlich widersinnig…

 

2018-04-09

Die Ärztin ist beim Herausnehmen meiner Hörgeräte (um dem Stethoskop Platz zu machen) total entspannt. Ihr Mann und ihr Sohn tragen auch Hörgeräte. Sie berichtet mir, dass sie meine Kontaktdaten sogar von deren Hörakustikerin erhalten habe.

 

2018-04-18

Das Wetter ist heute „nicht so gut“. Weil ich gleich los muss, ziehe ich festes Schuhwerk an. Was ist das? Liegt die ganze Diele voller Sand? Einmal habe ich das in den vergangenen Tagen schon gehört, aber nach dem Fegen kam nicht viel zusammen. Hörgeräte ausgeschaltet: nichts. Hörgeräte ganz raus (wegen der geschlossenen Otoplastiken): nichts. Hörgeräte wieder rein und einschalten: deutliches Knirschen.

Wie oft werde ich wohl in den vergangenen Jahren meine Frau mit dem unbekümmerten Hereinkommen und mit dem Verkennen einer Fege-Notwendigkeit verärgert haben? Leider kann ich Sie danach nicht mehr fragen und auch nicht um Entschuldigung bitten. Aber für mich ist das jetzt die Lösung, wenn es „zu dreckig“ ist: einfach die Hörgeräte ausziehen!

 

2018-04-22

Am Sonntag-Nachmittag fahre ich mit der S-Bahn nach Hamburg. Sehr viele Mitreisende habe ich nicht. Aber der männliche Teil eines älteren Pärchens „nervt“. Wenn der Zug fährt, dann ist es wegen der Fahrgeräusche wunderbar ruhig, aber an den Bahnhöfen ist es störend laut (obwohl ja eigentlich leiser). Das Pärchen sitzt drei Reihen vor mir und ich kann jedes Wort verstehen. Nicht alles, was er über meine Heimatstadt erzählt, erscheint mir richtig. Deshalb ist weg- und über-hören noch schwerer. Das verdeckende (vertäubende) Fahrgeräusch ist zwischendurch immer wieder ein Segen. Vielleicht sollte ich mal hingehen und fragen, ob er schlecht hört? Jedenfalls hat er das typische Schwerhörigen-Syndrom: viel reden, damit er nicht zuhören muss! Aber vielleicht ist auch einfach nur „Frühling“? Schon Luther wusste: Wess das Herz voll ist, dess läuft der Mund über.

 

Resümee

In den vergangenen Wochen habe ich viel Neues erfahren und auch viel Neues gelernt, verstanden und wahrgenommen (wahr-genommen). Damit kann ich die Aussagen anderer von Hörschädigung betroffener Personen noch besser nachvollziehen und mich (hoffentlich) noch besser für unsere gemeinsamen Belange der hörgerechten Barrierefreiheit einsetzen. Gern zitiere ich nach solchen Erlebnissen den Satz des indischen Religions-Philosophen Rabindranath Tagore:

Es mag sein, dass wir durch Erfahrungen anderer Menschen
klüger werden, weiser werden wir nur durch die eigenen.

Bei aller Euphorie über die so gut gelungene Neu-Anpassung der schon fast drei Jahre alten Hörgeräte sind und bleiben sie natürlich „Krücken“, die den Hörverlust nicht voll ausgleichen können. Aber mit diesen „Krücken“ bin ich dem bisherigen „Rollstuhl für die Ohren“ wieder entstiegen. Oft wird behauptet, bei Sehschädigung und einer Brille sei alles viel einfacher. Auch da kann ich (nach zwei Netzhautablösungen) mitreden: Sind die Netzhaut oder der Glaskörper geschädigt, dann nützt auch eine bestens geschliffene Brille nichts. Das ist dann, als wäre sie aus Milchglas. Wenn die Schrift groß genug ist und wenn die Beleuchtung und die Kontraste stimmen, dann erkennt man wieder Konturen und dann kann man sich behelfen. Dann geht das beinahe so gut, wie wenn beim Hörgerät die Klang-Kontraste stimmen. Der „Nebel“, den das Milchglas erzeugt, ist mit dem Rauschen im Hörgerät vergleichbar.

Ein gravierender Unterschied aber bleibt: Mit dem Besser-Sehen wird der Kontakt zu den Dingen wieder möglich (auch das Einsetzen der Batterien in die Hörgeräte wird wieder einfacher). Aber mit dem Besser-Hören wird der Kontakt zu den Menschen wieder möglich. Dafür und davon leben wir! Das Wichtigste im Leben sind nun mal die persönlichen Kontakte.