Im Differenzierungsraum wird in Einzelarbeit, zu zweit oder in kleinen Gruppen gearbeitet. Dabei findet häufig rege Kommunikation zur Erarbeitung des Lernstoffes statt. Durch Partner- und Gruppenarbeit entsteht die Situation, dass gleichzeitig mehrere Personen im Raum sprechen. Dies ist Alltag, insbesondere bei der differenzierenden Arbeit, und stellt hohe Anforderungen an die Raumakustik. Derartige Räume können gut auch für die Einzel-Betreuung von Schülerinnen durch die Mitarbeiterinnen der verschiedenen mobilen Dienste bzw. bei der Arbeit mit Kindern im Erwerb von Deutsch als Zweitsprache (während in der Familie noch in der Heimat-Sprache kommuniziert wird) genutzt werden. Damit Räume für diese Art der Nutzung bei Bedarf auch tatsächlich zur Verfügung stehen, ist eine ausreichende Anzahl einzuplanen.
Für Differenzierungsräume in KiTa-Einrichtungen und Schulen liegen bisher nochmals deutlich weniger Daten vor. Die Häufigkeitsverteilung der Raumvolumina von Differenzierungsräumen einschließlich der Standardabweichungen σ lauten für einen Stichprobenumfang von bisher lediglich n = 15 selbst erhobenen Datensätzen:
Abbildung 6.1.3.1 Häufigkeitsverteilung der Volumina von 15 Differenzierungsräumen
bei einer Klassen-Stufung von jeweils 5 m³
Der Mittelwert beträgt Vm = 39,5 m³ mit einer Standardabweichung von 11% (± 4,5 m³). Danach errechnet sich für Gruppenräume in der Raumgruppe A4 der Sollwert der Nachhallzeit
Tsoll = 0,28 s (0,26 s … 0,30 s).
Die trotz des kleinen Stichprobenumfangs geringere Streuung weist auf eine recht einheitliche Planung von Differenzierungsräumen hin. Das ist schon dadurch verständlich, dass diesen Räumen von den Planerinnen allgemein eine geringere gestalterische Bedeutung beigemessen wird. Der Hamburger „Kreuzbau“ enthält z. B. einheitliche Differenzierungsräume von G = 14 m² bzw. V = 42 m³.
Seit etwa Anfang 2025 sind in Neubauten häufiger Differenzierungsräume zu beurteilen, die größer sind als die oben aufgeführten Werte. Die Grundflächen betragen zwischen 11 m² und 20 m² für vier bis acht Schülerinnen, im Mittel also etwa 2,5 m²/Platz, ähnlich zu Klassenräumen. Die Volumina liegen zwischen 35 m³ und 75 m³, sind also deutlich größer, als in den „alten“ Differenzierungsräumen.
Das hat vermutlich mit einer anderen Nutzung bei den neuen Unterrichtsformen zu tun. Während in den „alten“ Räumen ein bis zwei Kinder von einer Sozial- oder Sonderpädagogin im direkten Gespräch betreut wurden, sind die neueren Räume eigentlich solche für Kleingruppen mit intensivem gegenseitigem Austausch und – wie oben schon erwähnt – mit mehreren Sprecherinnen gleichzeitig. Für die „eine“ Sprecherin erzeugen die „anderen“ durch ihre Gespräche ein Störgeräusch. Das ist der Zustand, in dem sich der "Lombardeffekt" durch eine unbewusste und ungewollte Pegelanhebung bemerkbar macht. Dem ist durch eine optimale Schallabsorption entgegenzuwirken. Auch Teppichböden für geringe Störgeräusche beim Stühlerücken und Herumgehen zwischen den Kleingruppen sowie Abschirmelemente sind hilfreich.
Bei den Differenzierungsräumen bekommt deshalb der Hinweis aus DIN 18041, Kapitel 4.2.3 besondere Bedeutung:
Im Zweifelsfall sollten in Räumen zur Sprach-Information und
–Kommunikation
eher kürzere als längere Nachhallzeiten realisiert werden.
Dafür sind mehrere Gründe zu nennen:
· Geräuschminderung bei der Gruppenarbeit von einigen Schülerinnen
·
dadurch Minderung der Geräuschentstehung bei der Gruppenarbeit und der -übertragung
in den angrenzenden Klassenraum
· exzellente Sprachverständlichkeit bei logopädischer Förderung von einzelnen Schülerinnen
· Minderung der Geräuscheinwirkung aus dem angrenzenden Klassenraum
Berechnet man aus den verschiedenen Raumvolumina zunächst die einzuhaltenden Nachhallzeiten, daraus dann die erforderlichen äquivalenten Schallabsorptionsflächen, so erhält man nach Division durch den Schallabsorptionsgrad die insgesamt erforderliche Auskleidungsfläche. Sofort ist zu erkennen, um wieviel größer diese ist als die reine Deckenfläche (= Grundfläche). Die Werte sind erschreckend hoch:
Mit einem Schallabsorptionsgrad α = 0,90 benötigt man für einen Raum der Nutzungsart A4 von
nur G = 10 m² für die Auskleidung das 2,2-fache der Grundfläche und
bei G = 20 m² etwa das 1,65-fache.
Bei Klassenräumen mit G = 60 m² benötigt man rechnerisch noch das 1,2-fache.
Abbildung 6.1.3.2 Überschlagsberechnungen der
erforderlichen Absorptionsflächen in Differenzierungsräumen
(zum Vergrößern auf die drei Bilder klicken)
Bisher liegen zwar etliche Messergebnisse aus Differenzierungsräumen für die Frühförderung in KiTas vor, aber (seit 2024) nur wenige zu den anders proportionierten und größeren Differenzierungsräumen in neu erbauten Schulen. Die Messungen in KiTas fanden entweder wegen Beschwerden oder aber in Vorbereitung der Aufnahme eines Kindes mit Hörschädigung statt. Da verwundert es nicht, dass die Anforderungen nach der Raumgruppe A4 verfehlt wurden, aber auch die der RG A3 wurden in KiTas nur in wenigen Fällen näherungswiese erreicht.
Bei den bisher nur wenigen Messungen in Differenzierungsräumen neu erbauter Schulen sind die Ergebnisse ähnlich erschreckend. Nur zwei Räume, in denen auch schallabsorbierende Wandbekleidungen montiert sind, liegen innerhalb des Toleranzbereiches für die RG A3 (aber nicht RG A4). Die Nachhallzeiten der Differenzierungsräume in Schulen ohne Wandpaneele sind von den RG A3 und A4 alle weit entfernt.
In einigen Bundesländern wird derzeit (wegen der ganz offensichtlichen (und offenhörlichen) Schwierigkeiten, die Anforderungen der RG A4 oder sogar „nur“ die Anforderungen der RG A3 zu erfüllen) ersatzweise auf die in den Bezeichnungen ähnlich klingenden RG B3 oder RG B4 ausgewichen. Das ist aber eine lediglich „verwaltungstechnische“ Lösung, welche die akustischen Zusammenhänge völlig außer Acht lässt.
In Abbildung 6.1.3.2 sind die Kurven der volumenabhängigen Vorgaben aus DIN 18041, RG A3 und RG A4 den raumhöhenabhängigen horizontalen Geraden der RG B3 und RG B4 gegenübergestellt. Nicht einmal bei den Standard-Klassenraumgrößen (ganz rechts im Diagramm) passen diese Werte näherungsweise zusammen. Bei den Differenzierungsräumen und ähnlich kleinen anderweitig genutzten Gruppenräumen von 10 bis 25 m² sind die Abweichungen teilweise größer als 1:3. Solch eine Vorgehensweise ist also absolut nicht sachgerecht. Vergleiche den markierten Bereich links.
Abbildung 6.1.3.2 Nachhallzeiten nach RG B3 bzw. RG B4 für Räume
mit einheitlicher Höhe von 3,0 m bei Grundflächen zwischen 10 und 60 m²
bzw. nach RG A3 bzw. RG A4 mit Volumina von 30 bis 180 m³
Wenn in einem Standard-Klassenraum mit 60 m² nach RG A4 eine Nachhallzeit von 0,45 s zulässig ist, sie in einem Differenzierungsraum von 15 m² nach RG B4 aber 0,70 s betragen dürfte, dann stiege bei gleicher Geräuschentwicklung (also bei gleicher Schallleistung) der Schalldruckpegel im Raum um
ΔL = 10 lg (60 m³ / 15 m³) + 10 lg (0,70 s / 0,45 s) = 8 dB.
Solch einer Schallpegelanhebung in den kleinen Räumen muss durch deutlich kürzere zulässige Nachhallzeiten, also mindestens den Werten nach der RG A3, entgegengewirkt werden.
Die meisten bisher zu beurteilenden Differenzierungsräume sind „simple Quader“. Deshalb wird sich ohne ergänzende Maßnahmen nicht einmal näherungsweise ein diffuses Schallfeld einstellen. Bei allem Bemühen entsprechen die Nachhallzeit-Vorausberechnungen für solche Räume allenfalls in grober Näherung den sich tatsächlich einstellenden Werten. Selbst dann, wenn schallabsorbierende Friese unterhalb der Decke angebracht werden, ergibt sich auf der Mund- und Ohrebene eine unbefriedigende Situation. Schallabsorbierende Wandpaneele sind im Bereich der Sitzplätze auch nicht möglich, weil dort an den Seiten zu angrenzenden Klassenräumen gar keine Wände, sondern Fenster sind. Hier ist es hilfreich, wenn deren Scheiben nicht senkrecht, sondern oben mit einer Neigung nach außen (zu den Klassenräumen) eingebaut werden. Dann wird nämlich der daran reflektierte Schall nach oben zur absorbierenden Decke gelenkt.
Abbildung 6.1.3.4 Beispiel für einen Differenzierungsraum mit planparallelen Wand- und Fensterflächen sowie Blockfenster mit „schrägen Scheiben“
Seit der Abkehr vom Frontal-Unterricht hin zu offenen Unterrichtsformen wird in den schulischen Räumen nicht mehr „stillgesessen“. Durch Austausch zwischen den Gruppen entstehen erheblich mehr Bewegungen im Raum. Das führt zu deutlich häufigeren Störgeräuschen. Dabei geht es nicht nur allein um die Lauf-Geräusche, sondern auch um die von herunterfallenden Gegenständen oder umfallenden Ranzen. Hilfreich ist (nicht nur) deshalb das Verlegen von strapazierfähigen Teppichböden (z. B. Fabromont oder Forbo). Vergleiche auch Kapitel 6.1.8 (Offene Raumkonzepte) und Kapitel 7.7 (Fußböden / Bodenbeläge).
Aus diesen Gründen ist die „Handlungsanleitung“ für Differenzierungsräume sehr einfach und überschaubar:
· Die Decken sind möglichst vollflächig mit hoch- bzw. höchstgradig wirksamen Absorbern zu bekleiden (αw ≥ 0,90)
· Scheiben in Durchblick-(Überwachungs)-Fenstern zu angrenzenden Klassenräumen so neigen, dass die Scheiben-Oberkanten zum Klassenraum, die Unterkanten zum Differenzierungsraum liegen
· Wandflächen, die nicht als Tür- oder Fensterfläche genutzt und auch nicht durch Mobiliar abgedeckt werden, sind im Höhenbereich von 0.8 m bis 2,0 m schallabsorbierend zu belegen.
· Der Teppichboden ist in Differenzierungsräumen gegen Störgeräusche ausgesprochen sinnvoll.
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