Schlecht hören kann ich gut, aber gut sehen kann ich schlecht.

2013-04-04 wurde dieser Text geschrieben.

Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Taubert und Ruhe GmbH,
liebe Mitsängerinnen und Mitsänger der Kantorei der Osterkirche,
liebe Mitglieder des DSB-Referates BPB,
liebe Verwandte, Freunde, Bekannte
und sehr geehrte Geschäftspartner,

Ihnen und Euch allen möchte ich im Folgenden ein wenig davon berichten, wie es mir in den vergangenen Wochen ergangen ist, wie es zur Zeit mit mir aussieht (und wie ich zur Zeit selbst sehe) und wie es in der näheren Zeit weitergehen kann. Ich schreibe diesen Text weitgehend blind und bitte herzlich darum, eventuelle (möglicherweise auch sinnentstellende) Fehler freundlichst zu überlesen oder zu übersehen. Sie sind keinesfalls böse gemeint!

Für diejenigen, welche schon „ganz lange“ nichts von mir gehört haben, ist vielleicht auch der Rückblick auf das vergangene Jahr (insbesondere auf die Geschehnisse von Mai bis Juli) interessant. Diejenigen, welche nur in den letzten beiden Monaten nichts oder zu wenig von mir gehört haben, können diesen alten Abschnitt überspringen. Ich habe ihn aus einem Brief vom Ende Mai 2012 herauskopiert. Diejenigen, welche diese ewigen alten Geschichten schon kennen, überspringen diesen Abschnitt einfach und fangen weiter unten beim Jahr 2013 an.

Zunächst der alte Abschnitt von 2012:

Am Montag, den 7. Mai 2102, hatte ich gegen Abend einen Termin im Heidberg-Krankenhaus. Dort sollte mit einer relativ kleinen ambulanten Operation ein so genannter Nach-Star beseitigt werden, welcher sich in den 11 Jahren seit meiner Star-Operation gebildet hatte. Als Professor Wiegand mich untersuchte sagte er wörtlich: diese Baustelle machen wir jetzt nicht auf. Zuerst widmen wir uns dem anderen Auge. Das sieht ganz schlimm aus. Das Wort „ganz“ hat er bestimmt 5- oder 6-mal wiederholt.

Die Netzhaut hatte sich im Ersten Quadranten (das wäre auf der Uhr zwischen 0 und 3) recht großflächig gelöst. Ich musste dann am Mittwoch-Vormittag im Krankenhaus erscheinen, um am Donnerstag die 1. Operation zu erhalten. Professor Wiegand hatte mich bereits vorab darauf hingewiesen, es könne sein, dass eine weitere (umfangreichere) Operation anschließend noch notwendig werde. Am Sonntag, den 13. Mai, teilte er mir dann abends mit, diese Operation werde am Montag-Vormittag erfolgen. Bei dieser Operation hat man (unter anderem) den Augapfel mit Gas mit einem leichten Überdruck aufgeblasen, damit die Netzhaut sich wieder an die Außenhaut anlegen soll. Nach derzeitiger Kenntnis war das erfolgreich.

So genannte Gas-Patienten müssen den Kopf ständig gesenkt halten. Eine der Krankenschwestern hat mir vorgeschlagen, ich solle nach Gold und Edelsteinen suchen. Ich habe auf dem Krankenhaus-Fußboden aber keine gefunden. Das kann entweder daran liegen, dass überhaupt keine da waren, oder aber auch daran, dass ich sie nur nicht erkennen konnte. Wer weiß?

Das Gas und die Flüssigkeit haben einen unterschiedlichen Brechungsindex. Das führt dazu, dass ich beim Geradeaus-Sehen einen ähnlichen Effekt erlebe, wie wenn man bei einem Glas Wasser teilweise durch das Wasser und teilweise durch die Luftschicht darüber (aber jeweils auch durch das Glas) hindurch schaut. Man kann in beiden Fällen relativ scharf sehen, aber für unterschiedliche Abstände. Zusätzlich wackelt bei jeder Kopfbewegung die Grenzschicht, so dass ich ein Taumelgefühl erlebe. (Ich habe bisher probeweise ein einziges Glas Rotwein getrunken, daran liegt es nicht!)

Tag für Tag kann ich voller Freude erleben, dass der Flüssigkeitsspiegel langsam ansteigt. Da das Gehirn das im Auge gesehene Bild zur Wahrnehmung noch einmal um 180° dreht, erlebe ich es so, als wenn der Wasserspiegel langsam von oben nach unten fällt. Sehen und Wahrnehmen sind also zweierlei!

Fischkutter fährt bergab

Durch die Bandage, welche man mir um das Auge gelegt hat, zerren die Muskeln jetzt etwas anders als vorher. Das bedeutet, dass das Auge gegenüber dem bisherigen Zustand um etwa 10° nach oben und etwa 5° nach links gedreht ist. Ich habe im Spiegel bisher aber noch nicht erkennen können, ob ich jetzt einen "Silberblick" habe. Ich erlebe nur, dass das mit dem rechten Auge wahrgenommene Bild jetzt um die entsprechenden Beträge in die entgegengesetzte Richtung verschoben erscheint. Wäre ich jetzt bei meiner Familie an der Nordsee, so könnte ich die Schiffe endlich einmal bergauf oder bergab fahren sehen.

Ungewohnt und etwas ärgerlich ist für mich aber nicht so sehr, dass ich jetzt etwas nicht oder nicht gut sehe, sondern vielmehr, dass ich zu viel sehe. Durch die unscharfe Abbildung des Auges gibt es sehr viel Streu-Licht, welches die Netzhaut aus den unterschiedlichsten Richtungen trifft. Der klare Sonnenschein der vergangenen Tage führt also zur erheblichen Blendung. Der trübe Himmel gestern Morgen war für mich eine reine Wohltat.

Wenn ich beide Augen öffne (was wegen der Schiefe des rechten Bildes einige Überwindung kostet) dann dominiert das linke Auge. Das bedeutet, dass ich ab etwa 15° nach rechts nichts mehr sehe. Meine Frau geht inzwischen links von mir, damit ich sie nicht ständig anrempele. In den vergangenen Tagen, seit ich wieder zuhause bin, habe ich mir angewöhnt, sämtliche Küchenschranktüren stramm zu schließen und sämtliche Zimmertüren sperrangelweit zu öffnen. Ich habe Angst, sonst dagegen zu laufen. Vor einigen Tagen sagte jemand zu mir, ich müsse das erst mal mit dem Kopf verarbeiten. Ob der das wohl wörtlich gemeint hat?

Für kommenden Mittwoch bin ich zur nächsten Inspektion ins Heidberg-Krankenhaus beordert. Dann werde ich wohl an meine Augenärztin rück-überwiesen. Ich kann aber nicht abschätzen, ob ich dann wohl schon wieder lesen und mich ohne Gefahr im Straßenverkehr bewegen kann. Von den Ärzten bekommt man dazu keine Auskunft…

Jetzt kommen die Neuigkeiten von 2013:

Inzwischen bin ich aus der TAUBERT und RUHE GmbH als geschäftsführender Gesellschafter ausgeschieden. Herr Klaus Focke, langjähriger Mitarbeiter und schon seit einigen Jahren Mit-Geschäftsführer hat meine Gesellschaftsanteile übernommen und wird – gemeinsam mit meinem langjährigen Partner, Herrn Ulrich Taubert – das Büro weiterführen. Den Beiden und allen (für mich jetzt ehemaligen) Mitarbeitern wünsche ich von Herzen alles erdenklich Gute und so viel Erfolg, wie er sich bereits seit Beginn des Jahres abzeichnet.

Der Wechsel war vom 31. März auf den 1. April, also von Ostersonntag auf Ostermontag. Für mich sollte das Fest der Auferstehung – nach den Widrigkeiten des vergangenen Jahres – symbolhaft sein für all die vielen Tätigkeiten und Unternehmungen, für welche ich jetzt endlich Zeit habe. Um nicht allzu viel Urlaubs-Überhang zu hinterlassen, habe ich den März über Urlaub genommen. Meine Frau hat mich mehrfach gefragt, warum ich das gemacht hätte, denn es gab trotz des Urlaubs noch genug für das Ingenieurbüro zu tun.

Bereits im Februar hatte ich einen Termin im Heidberg-Krankenhaus, um die vom Grauen Star getrübte Linse entfernen und ersetzen zu lassen. Bei der Abschluss-Untersuchung saß im Wartezimmer eine ausgesprochen pessimistische Dame, welche irgendwie auch von meiner Netzhautablösung im vergangenen Jahr etwas mitbekommen hatte. Sie zeterte, ich solle unbedingt aufpassen, denn meistens löse sich nach der Staroperation die Netzhaut. Wenn Sie nun bei mir schon vorher lose gewesen wäre, dann wäre das ja eine ganz schlimme Sache. Zum Glück wurde ich bald durch einen Aufruf von dieser Nörgelei erlöst. Beim Verabschieden ermahnte Herr Prof. Wiegand mich, sofort zu kommen, wenn mir etwas Ungewöhnliches auffalle. Denselben Rat erhielt ich auch von meiner Augenärztin, welche ich wenige Tage später zur Kontrolle aufsuchte.

Einige Tage danach habe ich mir eine einfache Lesebrille anfertigen lassen, um den „klaren Blick“ richtig genießen zu können. Auf teure Gleitsicht-Gläser habe ich aber verzichtet, weil mir gesagt wurde, dass das Auge sich noch verändere. Das ständige Auf- und Absetzen der Brille (und auch das Suchen, wo ich sie denn wohl hingelegt habe) waren recht lästig. Noch schwieriger war aber das Laufen mit der Lesebrille, wenn ich vergessen hatte, sie rechtzeitig abzunehmen. Ich konnte auch ohne Alkohol torkeln.

Der grüne Strand von Friedrichskoog ist noch weiß vom Rest-Schnee

Am Palmsonntag haben wir das schöne und klare Sonnenwetter ausgenutzt und sind nach Friedrichskoog gefahren. (Für diejenigen, die sich nicht so genau auskennen: Cuxhaven liegt in Niedersachsen an der „Ecke“ zwischen Elbe und Nordsee. Ziemlich genau gegenüber ist Friedrichskoog in Schleswig-Holstein das Gegenstück. Dort ist die größte Flotte von Krabbenkuttern an der schleswig-holsteinischen Küste beheimatet.) Beim Spazierengehen am grünen Strand mit noch etwas Schnee und sehr viel Wind fiel die Sonne so in mein Auge, dass ich an der linken Seite einen leichten Schatten erkennen konnte. Das war für uns der Anlass einer sehr zeitigen Rückkehr und eingedenk der Worte der oben erwähnten nörgelnden Patientin sind wir gleich bis zum Heidberg-Krankenhaus durchgefahren. Tatsächlich hatte sich wieder ein Teil der Netzhaut gelöst (an einer anderen Stelle als im vergangenen Sommer) und schon am Montagmorgen war ich der zweite Patient im OP. Wer genauer wissen will, was dort gemacht wurde, kann das weiter unten nachlesen. Für die anderen übergehe ich es einfach.

Am Gründonnerstag wurde ich entlassen und konnte somit am Karfreitag bei der Aufführung unserer Heinrich-Schütz-Passion „Die sieben Worte unseres Erlösers und Heilandes Jesu Christi am Kreuz“ mitsingen. Auch die Ostermette morgens um 6:00 Uhr (gefühlt wie 5:00 Uhr) durfte ich miterleben. Nachmittags war die letzte Untersuchung im Heidberg-Krankenhaus und am Mittwoch darauf die erste bei meiner Augenärztin. Während man mir im Krankenhaus mit auf den Weg gegeben hatte „mit 70 % Wahrscheinlichkeit sehen wir uns wegen dieses Auges nicht wieder“ war meine Augenärztin nicht so begeistert vom Erfolg. Das liegt aber nicht an der (hervorragenden) Qualität der Ärzte im Heidberg-Krankenhaus, sondern vielmehr an meiner in einigen Bereichen schon recht dünnen Netzhaut. Als ich dazu genaueres wissen wollte sagte sie „Nennen wir es mal gewisse Erosionen“.

Gerade eben habe ich mit dem Heidberg-Krankenhaus einen weiteren Termin am 23. Mai abgestimmt. Dann findet die Vor-Untersuchung für die vorerst letzte operative Maßnahme statt, bei der ich zum „Ölwechsel“ muss. Dann wird das Silikon-Öl, welches auch nicht sehr günstig für die Netzhaut ist, wieder abgelassen und (wie im vergangenen Sommer) durch Gas ersetzt. Innerhalb von etwa 14 Tagen füllt sich das Auge dann wieder mit Flüssigkeit und danach kann ich mir dann die nächste Übergangs-Brille beschaffen…

Für diejenigen, welche noch mehr wissen wollen:

Den folgenden Text schreibe ich mit einem „fundierten medizinisch-physikalischen Halbwissen“.

Bei der jetzt durchgeführten Operation wurde die Flüssigkeit, welche im vergangenen Sommer nach und nach die Gasfüllung verdrängt hatte, wieder weitgehend entfernt und durch ein Silikon-Öl ersetzt. Dieses Öl ist leichter als die Flüssigkeit, steigt also nach oben. Damit die Netzhaut von dem Öl an den Augen-Hintergrund angedrückt werden konnte, musste ich mehrere Tage lang ausschließlich auf der linken Seite liegen. Das Öl stieg dann nach rechts, dorthin wo sich die Netzhaut abgelöst hatte. Den Schatten hatte ich zwar links erkannt, aber das lag daran, dass das Bild im Auge auf dem Kopf steht und vom Gehirn wieder richtig herum gedreht wird. Deshalb gab es diese Seiten-Vertauschung.

Weil die Netzhaut unter einer gewissen Spannung stand (deshalb hat sie sich abgelöst) wurden einige Entlastungs-Schnitte gesetzt und die Einzelteile mit Laser-Schweißung befestigt. Ich weiß nicht ob es wohl daran liegt, dass ich derzeit einzelne senkrechte Linien mit dem rechten Auge vierfach erkenne.

Das Silikon-Öl hat einen anderen Brechungsindex als die vorher im Auge vorhandene Flüssigkeit. Deshalb passt das kurz vorher angepasste Brillenglas jetzt nicht mehr. Vielmehr liegt es um etwa 3 Dioptrien „daneben“. Deshalb ist jetzt die nächste „Übergangsbrille“ fällig.