Für die Anpassung der Raumakustik von Klassenräumen für Kinder mit Hörschädigung wird, wenn es schnell gehen muss und kostengünstig sein soll, häufig vorgeschlagen, Vorhänge anzubringen oder Teppichböden zu verlegen. Ist das sinnvoll?
Wenn (noch) kein schallabsorbierendes Wandpaneel vorhanden ist oder angebracht werden kann, dann sind Vorhänge im Prinzip tatsächlich sinnvoll. Dadurch ergibt sich nämlich einen Absorptionsfläche im rechten Winkel zu der schallabsorbierenden Decke und damit in einer zweiten Raumdimension. Damit sie auch erwartungsgemäß gut wirken, sind aber einige Voraussetzungen zu erfüllen. Dann sich die Wirkungen bisweilen so groß, dass selbst Fachleute staunen.
Eine der wesentlichen Voraussetzungen ist, dass die Vorhänge auch im (üblicherweise) geöffneten Zustand ausreichend große Flächen bieten, an denen der Schall absorbiert werden kann. Lochfenster-Fassaden mit Mauerwerks-Pfeilern dazwischen (links) bieten im Allgemeinen mehr Möglichkeit, die Vorhänge anzuordnen, als Fensterbänder mit lediglich zwei schmalen Vorhang-Positionen ganz an den Seiten (rechts).
Abbildung 7.10.1 Vorhänge an Lochfenstern mit Pfeilern und seitlich vom Fensterband
Weiterhin müssen die Schallwellen von den Vorhängen auch „abgebremst“ werden. Das ist ja der wesentliche Effekt der Schallabsorption. Dafür wird ein ausreichend hoher Strömungswiderstand benötigt.
Bei der Verwendung von digitalen, selbstleuchtenden Präsentationsmedien (Smartboard an der Tafelwand, Tablets bei den Schülerinnen) kann bisweilen zu starke Sonneneinstrahlung stören. In solchen Fällen bietet die Möglichkeit zur Verdunkelung einen akustischen Mehrgewinn für die Raumnutzung. Durch das Schließen der Vorhänge vergrößert sich die schallabsorbierende Fläche. Dann ist auch bereits ein relativ niedriger Strömungswiderstand von Blendschutz-Vorhängen wirksam.
Abbildung 7.10.2 Klassenraum mit teilflächiger Gipskarton-Lochdecke und Blendschutz-Vorhängen. Auf dem rechten Foto ist die Licht- (und damit Schall-) Durchlässigkeit gut zu erkennen.
Abbildung7.10.3
Nachhallzeiten des Klassenraumes
nach Abbildung 7.10.2
mit offenen und geschlossenen
Blendschutz-Vorhängen
Aus diesen Messergebnissen ist zweierlei abzulesen:
· Die Wirkung von Blendschutz-Vorhängen ist merkbar (und messtechnisch nachweisbar) aber nicht übermäßig groß.
· Die obere Messkurve steigt nach rechts an, was auf horizontale Flatterechos hindeutet; sie sind bei geschlossenen Vorhängen fast nicht mehr vorhanden.
Wenn die Vorhänge dicker und etwa 250 bis 300 g/m² schwer sind, dann ist ihre Schallabsorption deutlich größer. Das zeigen die Messergebnisse aus einem 13,5 m langen und nur etwa halb so breiten Hörsaal, der wegen des ansteigenden Gestühls im Mittel nur etwa 2,5 m hoch ist. Der unbesetzte Raum hat eine mittlere Nachhallzeit von Tm = 0,71 s. Auch hier ist anhand der leicht ansteigenden Kurve wieder ein Hinweis auf horizontale Echos zu entnehmen.
Abbildung 7.10.4
Hörsaal mit schweren Vorhängen
an der Rückwand.
Die sichtbare Fläche beträgt
im geöffneten Zustand etwa 1,7 m²
und im geschlossenen etwa 6,7 m².
Abbildung7.10.5
Nachhallzeiten des Hörsaales
nach Abbildung 7.10.4
mit offenen und geschlossenen
Vorhängen an der Rückwand
Die Kurve für geöffnete Vorhänge lässt durch ihre Anhebung oberhalb von 500 Hz einen gewissen Anteil von Rückwand-Reflexionen und eine leichte Flatterecho-Bildung erkennen. Allein durch das Schließen der Vorhänge reduziert sich diese Anhebung deutlich. Der Unterschied ist gut zu erkennen.
Die äquivalente Schallabsorptionsfläche des Hörsaales steigt (z. B.) bei 2000 Hz von offen 45,5 m² auf geschlossen 51,6 m² an, also um ΔA = 6.1 m². Die sichtbare Vorhangfläche wächst aber nur von etwa 1,7 m² auf etwa 6,7 m² an, also nur um ΔS = 5,0 m². Das deutet auf einen (virtuellen) Schallabsorptionsgrad α = ΔA / ΔS >1 hin. Die Vorhänge absorbieren also (rechnerisch!) mehr Schall, als auftrifft, was natürlich physikalischer Unsinn ist. Aber:
Absorber an der richtigen Stelle wirken Wunder!
Bisweilen werden Vorhänge auch eingesetzt, um eine gewisse Varianz der Nachhallzeiten zu erreichen. Das gilt z. B. bei Musik-Unterrichtsräumen, bei denen zwischen einerseits „Unterricht/Kommunikation“ (RG A4) und andererseits Ensemble-Proben (RG A3 oder RG A2) variiert werden soll. Auch wird bisweilen der untaugliche Versuch unternommen, eine Aula (tragfähige Darbietung von Sprache und Musik nach RG A3) in eine Mensa-Nutzung (maximale Lärmminderung nach RG B5) hineinzupressen. Ob Vorhänge in Mensen ein geeignetes Material sind, wird (auch) aus hygienischen Gründen immer wieder bezweifelt. Hier wird aber lediglich der akustische Aspekt betrachtet.
Abbildung 7.10.6 Mensa mit gelegentlicher Aula-Nutzung; die schweren Vorhänge im Darbietungsbereich sollen für die Mensa-Nutzung geschlossen sein (stärkere Schall-Absorption), bei der Aula-Nutzung aber geöffnet (Schall-Reflexion zum Publikum). Die sichtbare Fläche beträgt im maximal gerafften Zustand etwa 15 m² und im völlig geschlossenen etwa 45 m².
Abbildung7.10.7
Nachhallzeiten der Mensa
mit gelegentlicher Aula-Nutzung
nach Abbildung 7.10.6
mit offenen und geschlossenen
Vorhängen an der Stirnwand
Aus den Nachhallzeit-Messwerten mit so weit wie möglich geöffneten und mit ganz geschlossenen Vorhängen wurden zunächst für die Oktaven von 125 Hz bis 4000 Hz die äquivalenten Schallabsorptionsflächen errechnet und aus deren Differenzen die Schallabsorptionsgtade ermittelt. Bei einer Differenz der geschlossenen und offenen Vorhangfläche von etwa 30 m² lassen sich für den hier verwendeten sehr schweren Vorhang folgende Schallabsorptionsgrade abschätzen:
|
Frequenz |
125 |
250 |
500 |
1000 |
2000 |
4000 |
Hz |
|
Absorptionsgrad |
≈0,15 |
≈0,35 |
≈0,50 |
≈0,80 |
≈0,85 |
≈0,90 |
|
Die Berechnung aus diesen Messungen ist deutlich ungenauer, als bei einer normgemäßen Messung der Schallabsorption im Hallraum nach DIN EN ISO 354. Das hat folgende Gründe:
· Die quaderförmige Mensa hat ein deutlich weniger diffuses Schallfeld als ein schiefwinkliger Hallraum mit zusätzlichen Diffusoren.
· Das Mensa-Volumen ist mit etwa 540 m³ fast dreimal so groß wie ein normgerechter Hallraum.
· Die Nachhallzeiten der beiden Mess-Zustände unterscheiden sich nur geringfügig.
· Bei Messungen im Hallraum wird ohne/mit Absorber gemessen, hier aber lediglich mit wenig/viel Absorber.
Der Zuwachs an Nachhallzeit ist für eine Aula-Nutzung deutlich zu gering. Hier haben die Planerinnen sicher mehr erwartet. Die Vorhangfläche wurde mit 45 m² / 15 m² zwar gedrittelt, aber der Absorptionsgrad der eng gerüscht hängenden Rest-Vorhangfläche ist größer als im ausgebreiteten Zustand, sodass Wirkung „verschenkt“ wird. Wenn man solch eine Maßnahme z. B. in Musik-Unterrichtsräumen anwenden möchte, dann ist unbedingt auch eine Verkleidung mit Nischen, Kästen oder Klappen einzuplanen, in denen der Vorhang im geöffneten Zustand vollständig „verschwindet“.
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